Groundhopping nach Göttingen
by Deep_Bernard on Apr.14, 2010, under Liga, Video / Filme
Am 10. und 11.April trafen sich die Titelaspiranten der deutschen Schachbundesliga in zwei Städten. Diese waren Bremen und Baden-Baden. Wenn man - so wie wir - seinen Lebensmittelpunkt in Düsseldorf hat, heißt das in Kilometern ausgedrückt jeweils 280 km bzw. 370 km einfache Fahrstrecke. Für Hardcore-Fans ist dies nicht wirklich eine Entfernung, weil die Entlohnung eines Herzschlagfinales alles entschädigen sollte. Nun sind wir aber weder nach Bremen noch nach Baden-Baden gepilgert, sondern in die Universitätsstadt Göttingen die ebenfalls rund 300 km von Düsseldorf entfernt liegt. Wir haben uns dort die Partie SV Lübeck gegen Tempo Göttingen reingezogen, in der es nur noch um die goldene Ananas ging. Lübeck konnte nicht mehr aufsteigen und Göttingen lag bereits uneinholbar auf einem Abstiegsplatz.
Man könnte vielleicht die Meinung vertreten, dass wir zu lange auf einem Waffeleisen gelegen haben, denn was um alles in der Welt treibt Menschen zu einem Spiel, das nun wirklich gar keine Spannung inne hat?
Nun, kurz gesagt haben wir uns dort mit Vladimir getroffen, der dort am Brett 1 für Lübeck spielte. Übrigens nennt man diese Art von Reiseaktivität Groundhopping. Kurz gesagt fährst du zu irgendeinem Spiel irgendwo in Deutschland und guckst dir das Gezocke an, obwohl du wirklich null Beziehungspunkte zu dem Verein hast (siehe dazu diesen Link).
In Göttingen angekommen, haben wir auch relativ schnell das Spiellokal gefunden, das ausgerechnet nicht in der Innenstadt lag. Unser Gedanke an eine wollüstige Verpflegung bei einem Pizzabäcker; beim Amerikaner oder in einem Dönertempel blieb leider nur ein Gedanke, da in dieser Siedlung rein gar nichts an Lebensmittelbegegnungsstätten zu finden war. Du kannst ja auch nicht irgendwo klingeln und nach vier „Stullen“ und einem Kasten Bier verlangen, nur weil Göttingen unseren Besuch nicht gebührend vorbereitet hat. Dann hatten wir mit Günther einen in die Jahre verkommenen gekommenen Schachspieler mit an Bord, der Speisen, die innerhalb von 60 Sekunden zubereitet werden, kategorisch ablehnt.
Kommen wir aber zurück zum Schach. Es spielten – wie bereits erwähnt – Lübeck gegen Tempo Göttingen und es hätte gut passieren können, das nach 60 Minuten der komplette Spuk vorbei gewesen wäre und sich beide Teams mit einem eilig ausgekämpften 4:4 in das Saisonende verabschiedet hätten. Das wäre schon hart gewesen, 600 Kilometer abzureißen um ein Remisgeschiebe mitzuerleben, dessen Geschichte maximal in den Annalen des Deutschen Schachbundes einen Platz gefunden hätte. Aber wenn du als Verein GM Epishin mit an Bord hast, dann ist eine schnelle Waffenruhe so unwahrscheinlich wie eine Liebesheirat zwischen Merkel und Netanjahu. Vladimir spielt jede Partie als gäbe es noch den Deutschen Herbst und fühlt den Herzschlag jedes einzelnen Bauern auf dem Brett. (Das einzige was wir gefühlt haben, war ein apokalyptischer Hunger, der aufgrund des fehlenden Nahrungsangebotes eines unserer Hauptsorgen war.)
Aber auch die anderen Lübecker Spieler kämpften wirklich jeder Partie aus und versuchten wirklich, jeden noch so kleinen Vorteil zu erarbeiten. Es entstanden sehr schöne Partien und interessante Stellungen, die mitunter tatsächlich eine große Sehenswürdigkeit hatten. GM Epishin spielte eine Partie, die wirklich begeistern musste. Während er irgendwann nach dem 14. Zug ein Remis ablehnte, schob er seine Streitmacht gen schwarze Königsstellung und zauberte eine faszinierende Partie auf das Brett. Neben einem positionellen Opfer, dass die gegnerische Festung wie die Mauern von Jericho einstürzen lies, kam zum Schluss der Partie noch ein weiteres Opfer zum Einsatz, dass eigentlich hätte reichen müssen. Und als es dann endlich soweit war, die Ernte einzufahren, spielte Epi ungenau und musste nach einem starken Zug seines Gegners Maarten Solleveld ins Dauerschach einlenken.
Die Enttäuschung war natürlich groß und Vladimir fand auch keinen Trost, was die angehängten Bilder eindeutig dokumentieren. Lübeck gewann an diesem Tag mit 5:3 und wurde somit dritter in der 2.Bundesliga Nord.
| Brett | Tempo Göttingen | 3 - 5 | Lübecker SV |
| 1 | Solleveld | ½ : ½ | Epishin |
| 2 | Markgraf | 0 : 1 | Schmidt |
| 3 | Sawatzki | 1 : 0 | Janz |
| 4 | Buchenau | 0 : 1 | Christ |
| 5 | Petzold | ½ : ½ | Krause, |
| 6 | Priebe | ½ : ½ | Lampe |
| 7 | Karwatt | 0 : 1 | Ehrke |
| 8 | Petzold | ½ : ½ | Frohberg |


April 15th, 2010 on 13:28
Zitat “…. Günther einen in die Jahre verkommenen Schachspieler mit an Bord ….”
Auweia, auweia ?! Ich habe dieses tatsächlich geschrieben. Ich meinte natürlich “gekommenen”. Hoffentlich liest das der Günter nicht
Mai 4th, 2010 on 17:04
Ein Mensch dessen Witze nur schwerlich die
Balance finden - zwischen unterer Gürtellinie
und humoriger Pointe - dem kann es leicht
passieren in einen ihm recht vertrauten Wort -
“Schatz” zu schreiben…!